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Bewegung und Entspannung

Laufen

Es ist wohl die direkteste und unkomplizierteste Art Sport zu treiben – das Laufen. Egal, wo wir uns gerade befinden oder wie viel Zeit wir erübrigen können; laufen geht fast immer und überall. Ob in der Stadt, auf dem Land oder am Meer, ob die schnelle Runde an einem Mittwochabend oder der ausgiebige Sonntagmorgen-Run, ob bei 10 Grad und Regen oder strahlendem Sonnenschein – joggen geht irgendwie immer.

Jeder kann dabei seinen eigenen Rhythmus finden und sich seine persönlichen Ziele stecken. Und in punkto Ausrüstung braucht es auch nur bequeme Sportklamotten und vor allem gute Laufschuhe. Doch warum ist laufen auch oder gerade für Frauen mit Brustkrebs eine gute Idee? Ist das nicht viel zu anstrengend? Das Maß ist entscheidend und natürlich auch das Timing. Ungeübte Läuferinnen sollten mit kleinen Einheiten beginnen und sich in akuten Therapiephasen nicht verausgaben. Aber wo früher noch der allgemeine Rat galt, sich während einer Krebsbehandlung möglichst zu schonen, so ist heute längst klar: Bewegung, die zu einem passt – auch das moderate Lauftraining –, ist durchaus erlaubt.

Wie erleben Brustkrebspatientinnen das Laufen? Was tut ihnen besonders gut? Welche Tipps haben sie für Laufneulinge und auch ambitionierte Sportlerinnen. Lesen Sie hier das Interview mit der Läuferin und selbst Betroffenen Dr. Sandra Otto.  

Laufen und Brustkrebs

Interview mit Dr. Sandra Otto, Brustkrebspatientin, Läuferin und Buchautorin 

Nach der Diagnose Brustkrebs suchte Sandra Otto etwas, das ihren Tagen Struktur und ihrem Körper neue Energie gab. Sie fand ihren persönlichen Antrieb, um mit der Erkrankung umzugehen, im Laufen. Die vielen positiven Effekte auf ihr körperliches, aber auch seelisches Wohlbefinden hat sie in einem Buch zusammengetragen. 

Frau Otto, Sie erhielten die Diagnose Brustkrebs mit 34 Jahren. Wo standen Sie damals beruflich und privat im Leben? Wie geht es Ihnen heute?

Die Diagnose Brustkrebs war damals ein ziemlicher Einschnitt in allen Lebensbereichen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt gerade eine neue Stelle in einem befristeten Vertrag angefangen. Privat hatten mein Mann und ich gerade unser Haus bezogen. Kurz zuvor hatten wir geheiratet. Die Zeit zeigte mir, dass ich bei allem die richtige Wahl getroffen hatte. Denn alle Menschen um mich herum, meine Kollegen und mein Chef und vor allem mein Mann, standen die ganze Zeit hinter mir – und sie tun es bis heute. 

Anderthalb Jahre später diagnostizierte man bei mir ein Lokalrezidiv. Seitdem sind heute fast fünf Jahre vergangen und ich bin „krebsfrei“. Ich beobachte meinen Körper natürlich sehr genau. Allerdings habe ich auch viel dazugelernt, nicht zuletzt durch meinen Sport und das Laufen. Das Ganze reißt mich nicht mehr so aus der Bahn und ich kann die Dinge etwas gelassener annehmen.

Sie waren bereits vor der Diagnose eine aktive Läuferin. Wie veränderten Sie Ihr Laufverhalten im Rahmen der Krebserkrankung?

Ich blieb vor allem meiner Laufroutine treu: Jeden Dienstag, Mittwoch, Freitag und Sonntag heißt es für mich Laufen. Während der Diagnosephase war das Laufen mein Grund, frühmorgens aufzustehen. In der ersten Woche nach der Chemotherapie ging ich nur spazieren, dennoch bewegte ich mich jeden Tag an der frischen Luft. Aber schon ab der zweiten Woche eroberte ich mir meinen alten Rhythmus zurück. Auch an schlechten Tagen drehte ich meine Runden, aber eben sehr langsam, weit entfernt von meinen sonstigen früheren Laufleistungen und Wettkampfzeiten. Aber ich merkte: „Mein Körper kann noch etwas.“ Oft verband ich auch einen anstehenden Arzttermin mit einem Spaziergang und ging ganz bewusst zum Arzt hin und wieder zurück. Bewegung bekam ein Ziel und wurde zu einer konkreten Aufgabe: der Arbeit an meiner Gesundheit. Heute bedeutet Laufen vor allem, mich zu spüren, mich lebendig zu fühlen und die Bewegung zu genießen.

Wie sah Ihr Trainingsplan während der Therapie aus?

Zu Beginn der Therapie fühlte ich mich körperlich sehr schwach. Beim Laufen schmerzten die Muskeln und die Gelenke. Der erste Kilometer war oft eine Kopfsache und es kamen Gedanken wie: „Warum bleibst du nicht einfach im Bett liegen?“ Aber Nichtstun führte bei mir immer zu einer Art Negativspirale. Beim Laufen wurde mein Körper warm, das Herz schlug wieder rhythmischer, ich kam mit der Atmung wieder in Einklang und konnte mich ganz auf mich selbst konzentrieren. Deshalb waren vor allem mein Körper und mein Gefühl ausschlaggebend für meinen Trainingsplan; keine Fitnessuhren oder Pulsmesser. Ich kannte die umliegenden Strecken und trainierte dann nach Gefühl. Jedenfalls ließ ich mich weder von der Krebserkrankung noch von der Therapie einsperren.

Gab es positive Effekte des Laufens auf die Therapie oder die Begleiterscheinungen der Therapie?

Schon während der Chemotherapie merkte ich, dass das Laufen richtig war. Ich musste nicht einen Termin meiner Chemotherapie verschieben. Mein Immunsystem hielt den Behandlungen stand. Natürlich hielt ich mich von Menschenmengen fern und versuchte, mich so gut es ging zu schützen. Die Menschen um mich herum sagten, man hätte mir zu der Zeit die Erkrankung nicht angesehen. Ich hatte mit Übelkeit zu kämpfen, musste mich jedoch zum Glück nicht übergeben. Verdauungsprobleme hatte ich und habe ich bis heute. Aber ich konnte ein gutes Körpergefühl für mich entwickeln und mich auch beim Laufen danach richten. Auch hinsichtlich der Schmerzen machte mich das Laufen resistenter. Während der Therapien konnte ich Gelenk- oder auch Kopfschmerzen quasi „weglaufen“. 

Fatigue erlebe ich auch heute noch sehr stark. Aber auch das kann ich über das Laufen sehr gut ausbalancieren. Ich merke zum Beispiel im Job, wenn ich eine Pause an der frischen Luft benötige. Gerade die Müdigkeit und Konzentrationsprobleme bekomme ich durchs Laufen gut in den Griff und nehme keine zusätzlichen Medikamente. Ich sage mir immer: „Erst mal raus!“ 

Welche Bedeutung hatte Laufen auch mental für Sie und für den Umgang mit Brustkrebs?

Für mich wurde das Laufen zum Rettungsanker und zur Konstanten in meinem Leben. Mein Alltag brach ja von heute auf morgen auseinander. Ich war krankgeschrieben, während die Kollegen weiter arbeiteten, während mein Mann morgens zur Arbeit ging, während meine Freunde ihr gewohntes Leben lebten. Aus der sozialen Struktur, die mir Sicherheit gegeben hatte, fiel ich von jetzt auf gleich heraus. Ich brauchte etwas, wofür ich aufstehen musste. Etwas, worüber ich sagen konnte: „Das kannst Du. Das schaffst Du!“ Das Laufen zeigte mir sowohl bei der Ersterkrankung als auch bei meinem Rezidiv: „Ich kann körperlich noch etwas, ich kann geistig noch etwas und lasse mich nicht auf die Diagnose Brustkrebs reduzieren“. Brustkrebs konnte so zu einem Teil meines Lebens werden, aber nicht zum Hauptteil. Mit dieser Fokussierung gehe ich auch heute durch mein Leben. Ich entscheide mich für wenige Dinge, die mir wichtig sind. Aber diese mache ich richtig – beruflich wie privat.

Was empfehlen Sie anderen Brustkrebspatientinnen? Ist eine Brustkrebstherapie überhaupt ein geeigneter Zeitpunkt, um mit dem Laufen zu beginnen?

Ich habe viele Studien zum Thema Laufen bei Krebs analysiert, die zu dem Ergebnis kommen, dass Bewegung immer sinnvoll ist. Ich denke, auch eine Brustkrebstherapie ist ein guter Zeitpunkt, um mit dem Laufen zu beginnen. Ich empfehle aber immer, zunächst Rücksprache mit dem behandelnden Arzt und Onkologen zu halten. Sinnvoll kann sein, sich bestimmten Trainingsgruppen anzuschließen. Ich würde langsam beginnen und Laufen und Walken zunächst miteinander kombinieren. Es ist ein unwahrscheinliches Erfolgserlebnis, sagen zu können: „Ich bin jetzt einen Kilometer am Stück gelaufen.“ Das kann ich jeder Brustkrebspatientin nur empfehlen. Es kann aber auch sein, dass nicht Laufen das Richtige ist, sondern eine andere Sportart. Das muss jede für sich herausfinden. Laufen hat den Vorteil, dass es flexibel, an jedem Ort und zu jeder Zeit, durchzuführen ist. Das einzige, was man braucht, sind gute Laufschuhe und den Biss, die ersten zwei Monate dranzubleiben.

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Laufen mit, trotz, gegen Brustkrebs. Wie ich um mein Leben renne.“Was ist Ihre Botschaft?

Mein Buch ist mehr als ein Ratgeber und mehr als ein Lebensbericht. Ich stand damals 2011 mit der Frage vor meinen Ärzten: „Wie viel darf ich laufen? Schade ich mir oder nütze ich mir damit?“ Viele Ärzte konnten damit nicht umgehen. Es gab Aussagen von „Schonen Sie sich“ über „Gehen Sie ein paar Kilometer um den Block“ bis hin zu „Machen Sie, was Sie möchten. Ihr Körper sendet Ihnen schon Signale, wenn er nicht mehr kann.“ Es war eine große Verunsicherung. 

Parallel zu den Gesprächen habe ich selbst Spurensuche betrieben: Welche Erfahrungen gibt es zu dem Thema? Als Wissenschaftlerin hat mich interessiert, was internationale Studien dazu schreiben. Ich bin auf viele positive Ergebnisse gestoßen, auch hinsichtlich einer verbesserten Lebensqualität durch Sport. Dieses fundierte Wissen weiterzugeben, ist mir ein großes Anliegen. Ich wollte meinen Erfahrungsbericht von meinem persönlichen „Laufweg“ um aktuelle Studienergebnisse ergänzen. Deshalb sind auch sämtliche Quellen zum Nachlesen aufgeführt. Ich möchte damit zeigen: Ich bin mit meinem Laufwunsch nicht allein. 

Die Botschaft lautet: „Schonen war gestern!"