Bewegung bei Brustkrebs – Eine Studie

Für viele Brustkrebspatientinnen ist es wichtig, einen Weg zu finden, wie sie selbst etwas für ihre Gesundheit tun und ihren Krankheitsverlauf positiv beeinflussen zu können. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zum Beispiel über Ernährung oder Meditation, die Lebensqualität zu verbessern. Der erfolgversprechendste Weg ist aber ein angepasstes Bewegungstraining. Dr. Jutta Krocker, Chefärztin im Brustkrebszentrum am Sana Klinikum Berlin Lichtenberg, hat eine medizinische Walkinggruppe initiiert, aus der eine Studie entstanden ist. Sie berichtet im Interview von ihren Erfahrungen.

Frau Dr. Krocker, welche Motivation steckt hinter der Idee, eine medizinische Walkinggruppe für Brustkrebspatientinnen zu initiieren?

Das hatte zwei Gründe. Der erste Grund war, dass ich selbst regelmäßig laufe. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Laufen beziehungsweise Sport allgemein sowohl einen körperlich stärkenden als auch einen meditativen Effekt hat. Sport war mein Instrument, um mich aus schwierigen oder angespannten Situationen herauszuholen und einen Ausgleich zu meinem oft anstrengenden Beruf zu finden.

Der zweite Grund war, dass ich immer wieder von Patientinnen gefragt worden bin, was sie neben der medikamentösen Therapie noch zusätzlich machen können, um wieder gesund zu werden. Da Sport auch bei Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen, einen stark vorbeugenden Effekt hat und die Lebensqualität verbessern kann, habe ich anfangs die Frauen einfach eingeladen, mit mir zusammen zu laufen.

Am Patiententag der Klinik vor vier Jahren haben wir uns als Gruppe vorgestellt und die Patienten haben von ihren guten Erfahrungen berichtet. So wurde das Laufen dann quasi zum Selbstläufer. Daraufhin habe ich eine Trainerin angesprochen, ob sie nicht eine medizinische Walkinggruppe aufbauen möchte: Einmal die Woche regelmäßig walken für Frauen mit Brustkrebs, sowohl unter der Therapie als auch nach Abschluss der Therapie.

Welchen Stellenwert hat Sport und Bewegung bei Krebserkrankungen, insbesondere bei Brustkrebs?

Studienergebnisse belegen, dass nach einer Tumorerkrankung ein leichtes Ausdauertraining mit mindestens 150 Minuten pro Woche das progressionsfreie Überleben verlängert. Aber es gibt noch weitere Effekte. Durch die Krise, in die man durch die Erkrankung stürzt, wird wahrscheinlich enorm viel Energie und Disziplin freigesetzt. Der Wille, etwas im Leben zu verändern, ist dadurch bei vielen Patientinnen sehr stark. Sport zeigt hier einen Weg, selbst etwas für sich und seine Gesundheit tun zu können.

Ein weiterer Aspekt ist, dass viele Patientinnen durch die Tumorerkrankung sozial isoliert werden. Was beim Sport verbindet, ist dieses „ich habe diesen Termin, ich bin verabredet mit der Trainerin und der Gruppe“ und ein gewisser Disziplinzwang, der daraus entsteht.

Ein enormer Zugewinn für die Patientinnen, der viel positive Energie freisetzt, ist, dass die Sportgruppe schon fast wie eine Selbsthilfegruppe funktioniert. Man ist unter Gleichgesinnten, hilft sich gegenseitig und hat gemeinsam Spaß.

Was passiert bei Sport im Körper? Und wie wirkt sich das positiv auf die Krebserkrankung oder Begleiterscheinungen der Krebstherapie aus?

In der Wissenschaft wird jetzt noch sehr kontrovers diskutiert, inwiefern Botenstoffe im Gehirn bei Fatigue oder Depression eine Rolle spielen, oder – im Fall einer Krebserkrankung – bestimmte Stoffe aus der Chemotherapie ins Spiel kommen. Belegt ist, dass Sport körpereigene Endorphine, auch Glückshormone genannt, freisetzt. Sie werden durch Bewegung freigesetzt, insbesondere bei Outdoor-Sportarten. Licht, Sauerstoffversorgung und Naturerlebnisse spielen zusätzlich eine Rolle für dieses Glücksgefühl. Das belegen wissenschaftliche Untersuchungen.

Frau Dr. med. Jutta Krocker

Frau Dr. med. Jutta Krocker verantwortet als Chefärztin die Betreuung von jährlich etwa 400 primär an Brustkrebs erkrankten Frauen im Brustzentrum am Sana Klinikum Lichtenberg.

Empfehlen Sie Patientinnen bereits während der Krebstherapie körperlich aktiv zu sein? Was müssen sie dabei beachten?

Alle Patienten erhalten ohnehin einen kardiologischen Check im Rahmen der Chemotherapie. Wer kardiologisch gesund ist, kann auch unter einer Chemo- oder Bestrahlungstherapie mit einem moderaten medizinischen Walken beginnen.

Nicht teilnehmen können Patienten mit schweren Kreislaufproblemen, einer Herzschwäche, einem nicht eingestellten zu hohen Blutdruck und akutem Fieber über 37,5 Grad Celsius im Zusammenhang mit einer Chemotherapie. Alles andere, also die Übelkeit, Unwohlsein oder insgesamt Abgeschlagenheit ist ja gerade das, was wir mit Bewegung behandeln wollen. Deshalb sind diese Symptome kein Hinderungsgrund.

Bei der Einführungsveranstaltung unserer Walkinggruppe versuchen wir, alle zu motivieren, besonders Patienten, die noch nie Sport gemacht haben. Wir sagen das, was Orthopäden heute auch sagen: Es ist nie zu spät. Haben Sie den Mut und fangen Sie an. Sie können jederzeit aussteigen, wenn Sie spüren, es hilft Ihnen nicht. Aber es ist bisher niemand ausgestiegen.

Da wir beim Training möglichst viele Muskelgruppen – Schultergürtel, Rücken- und Bauchmuskulatur – mit einbeziehen wollen, erlernen die Patienten bei den ersten Trainingseinheiten die richtige Bewegung der Arme mit der richtigen Stellung der Ellenbogen. Ein wirklich aufrechtes Gehen, fast wie ein Roboter, fördert eine ganz bestimmte Bewegungsstabilität des Rumpfes. Das Training hat dann einen ganzheitlichen muskelstärkenden Charakter.

Gibt es Sportarten, die sich besonders gut für Brustkrebspatientinnen eignen? Wie häufig und wie intensiv sollte die körperliche Aktivität sein?

Geeignet sind besonders Outdoor-Ausdauersportarten wie Walken, Laufen, Schwimmen oder Radfahren. Schwimmen kann man während der Bestrahlungsphase nicht, da man nicht baden darf. Auch unter einer Chemotherapie kann zumindest zeitweise eine erhöhte Infektionsgefahr bestehen. Daher würden wir Schwimmen in öffentlichen Bädern oder Gewässern nicht empfehlen.

Radfahren ist gut geeignet – auch für ältere Patientinnen – da es sehr gelenkschonend ist. Walken ist sicher das, was jeder kann, in jeder Altersgruppe. Außer einem Paar Turnschuhe benötigt man wenig. Wir empfehlen immer eine Pulsuhr zur Kontrolle der Herzfrequenz.

Bei welchen Nebenwirkungen sind Sport und Bewegung besonders wirkungsvoll? Woran liegt das?

Die Bewegung an der frischen Luft fördert einen erholsamen Schlaf und wirkt angstlösend. Herz und Lunge können den Körper zunehmend besser mit Sauerstoff versorgen, die körperliche Leistungsfähigkeit steigt. Die Frauen merken, dass sie bereits nach drei bis vier Trainingseinheiten eine längere Strecke schaffen und auch ihren Alltag leichter bewältigen können. Das Training kann sich positiv auf die Lebensqualität auswirken.

Haben Brustkrebspatientinnen die Möglichkeit, die Kosten für Sportprogramme von der Krankenkasse erstattet zu bekommen?

Innerhalb der Studie werden die Pulsuhren den Teilnehmern zur Verfügung gestellt. Und wer 80 Prozent der Trainingseinheiten absolviert, bekommt sie im Anschluss geschenkt. Abgesehen vielleicht von der Investition in passende Turnschuhe entstehen den Studienteilnehmern keine Kosten.
Die Kassen finanzieren eine verordnete Sporttherapie, allerdings nur eine Physiotherapie. Die Walkinggruppe, die wir jetzt außerhalb der Studie betreiben, finanzieren wir ohne Beteiligung der Krankenkassen über ein soziales Netzwerk. Anmeldung und Teilnahme an allen dort angebotenen sportlichen Aktivitäten ist kostenlos. In Zukunft wäre es wünschenswert, wenn auch zum Beispiel ein medizinisches Lauftraining im Rahmen der Brustkrebstherapie oder vielleicht sogar im Rahmen der Prävention von den Krankenkassen unterstützt würde.

Seit August 2019 führen Sie eine Studie zum Thema „Sport bei Brustkrebs“ durch. Welcher Fragestellung gehen Sie nach? Und gibt es schon erste Erkenntnisse?

Unsere Studie ist aus der positiven Erfahrung mit der Brustkrebs-Walkinggruppe entstanden. Es gibt schon viele Studien, die belegen, dass Sport eine therapiebedingte Fatigue deutlich lindern kann. Ähnliches gilt für depressive Verstimmungen. Wir haben uns überlegt, warum verhindern wir die Entstehung einer Fatigue nicht gleich?

Wir wollen mit der Studie nachweisen, dass mit der Verringerung des Stresshormons Cortisol im Blut durch Bewegung, auch eine antientzündliche Komponente mitwirkt sowie das Immunsystem durch die Faktoren Licht, Sonne, Bewegung und positive Freisetzung der Endorphine stimuliert wird. Wir vermuten, dass sich das Training auch positiv auf eine durch eine Chemotherapie verursachte Blutbildungsstörung und deren Folgen wie depressive Verstimmungen, Leistungsminderung und Anstieg des Cortisolspiegels im Blut auswirken kann.

Wir denken, dass wir die Studie im Sommer 2020 abschließen. Die ersten Gruppen haben ihr 12-wöchiges Training bereits absolviert. Es gibt positive Daten aus diesen ersten Patientengruppen.

Auch wenn die Betonung auf Outdoor-Aktivität liegt – den einen oder anderen Schlechtwettertag können Sie mit den Tipps von Dr. Krocker gut überbrücken:
  • 30 oder 45 Minuten zu Hause gehen
  • 10, 15 oder 20 Minuten die Treppen auf- und absteigen
  • Mit Kindern oder Enkelkindern spielen
  • Bei der Hausarbeit mehr Schritte einbauen, jeder Schritt zählt

Fitness ist relativ

Auch wenn Sie noch nie Sport gemacht haben, ist es nie zu spät anzufangen. Jeder, der spazieren gehen oder seinen Haushalt bewältigen kann, ist auch in der Lage, ein leichtes Ausdauertraining zu absolvieren. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wieviel Sie sich zutrauen dürfen. Wenn aus kardiologischer  oder orthopädischer Sicht nichts dagegen spricht, können Sie starten. Jeder Schritt zählt!