„Manche Freundinnen fragten mich, warum ich kein Buch schreibe. Nach ein paar Überlegungen habe ich das dann auch gemacht.”

Mama, wann wachsen deine Haare wieder?

Barbaras Geschichte

„Die Kinder und ich haben an meinen Haaren gezogen. Wie bei einem Plüschtier, das Haare verliert, und sie dann weggeschmissen. Dabei haben wir gelacht, weil die Glatze immer mehr zu sehen war.“

Während die Passage vorgelesen wird, weint Barbara. Das tut sie an dieser Stelle fast jedes Mal. Sie ist froh, dass jemand anderes aus ihrem Buch vorliest. Das wäre für sie zu emotional. Es ist ein sehr intimer Moment, den sie in ihrem Buch beschrieben hat. „Zwischen der zweiten und dritten Chemo fielen die Haare aus. Sie waren überall. Auf den Schultern, auf den Stühlen – das wollte ich einfach nicht mehr sehen. Dann bin ich mit meinen Kindern ins Bad gegangen.“

Ohne Vorwarnung erkranken

Die Diagnose Brustkrebs kam für die gebürtige Italienerin 2008 völlig unerwartet. Es gab weder eine familiäre Vorbelastung noch gesundheitliche Risikofaktoren. Die Kinder waren erst vier und sieben Jahre alt. Der Tumor war zwar klein, aber sehr aggressiv. Zwei Jahre lang quälte sie sich Schritt für Schritt durch OP, Chemo, Bestrahlung und Antikörpertherapie, um sicherzugehen, dass alles entfernt wurde. Dann das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels: geschafft.

Die Wahrheit aufschreiben

Während dieser Zeit schrieb Barbara Tagebuch. Das hatte sie schon in ihrer Kindheit gemacht – bei besonderen Ereignissen tut sie es auch jetzt noch. „Manche Freundinnen fragten mich, warum ich kein Buch schreibe. Nach ein paar Überlegungen habe ich das dann auch gemacht. Aber auf Italienisch, weil ich mich da besser ausdrücken kann.“
Gesunder Lebensstil, Nichtraucherin, kaum Alkohol. Mit der Diagnose stellte sich auch Barbara die berühmte Frage „Warum ich?“. Das Schreiben des Kinderbuchs half ihr dabei, die Erlebnisse zu verarbeiten und gleichzeitig Aufklärung zu betreiben. Die Familie war in dieser schweren Zeit ihre größte Stütze. Aufgeben kam nie infrage. Für Barbara und ihren Mann war es selbstverständlich, den Kindern von Beginn an die Wahrheit zu sagen. Obwohl sie noch sehr klein waren, sollten sie verstehen, dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmt – elf Kilogramm weniger hätte sie nicht verstecken können. „Ich habe ihnen erklärt, dass die weibliche Brust normalerweise weich ist, bei mir jedoch etwas Hartes ist, was nicht dorthin gehört. Deshalb würde es in einer Operation weggemacht werden. Damit die Brust dann wieder komplett weich ist, müsse ich eine Medizin nehmen, die die Haare ausfallen lässt.“ Ihr Leben habe sie weitergeführt wie zuvor. Vielleicht war auch diese Ehrlichkeit der Grund dafür, dass ihre Kinder keinerlei Auffälligkeiten in der Schule zeigten und die Erkrankung gut verarbeiten konnten.

Sterben kommt nicht infrage

Verarbeitet hat Barbara die Krankheit mittlerweile auch – vergessen aber nicht. Gedanken über eine Neuerkrankung macht sie sich nicht. Trotzdem nimmt sie regelmäßig alle Kontrolltermine wahr. „Ich brauche diese Kontrolle. Wenn etwas sein sollte, möchte ich es sofort wissen und handeln.“ Die Erlebnisse der Therapie sind in ihrem Buch oft sehr präsent. Über die Chemotherapie hat sie eine für sie besondere Erinnerung festgehalten: „Als die Nebenwirkungen einmal besonders hart waren, habe ich laut gedacht: Ob Sterben wirklich so schlimm ist? Meine kleine Tochter hat dann gesagt: „Aber Sterben kommt nicht in Frage, Mami!“ Oh Gott, was für eine Aussage. Natürlich habe ich dann geantwortet: Nein, ich bin immer noch da!“

Portraitbild Barbara

Barbara ist es besonders wichtig, ihre Erfahrungen mit der Erkrankung, die so gut verlaufen ist, mitzuteilen. Es geht ihr darum, anderen Betroffenen Mut zu machen und zu zeigen, dass Brustkrebs nicht das Ende ist. „Ich dachte immer, ich hätte so eine Krankheit nicht gebraucht, um das Leben zu genießen, aber jetzt ist es noch intensiver. Es ist, als ob mir jemand diese Krankheit geschickt hätte, damit ich nicht mehr oberflächlich denke.“

Die Lesungen aus ihrem Buch sind häufiger Bestandteil von medizinischen Veranstaltungen. Vielleicht erscheint es bald auch in einer deutschen Fassung. Ein emotionales Erlebnis ist es jedes Mal. Besonders wenn Barbara an die Szene im Badezimmer denkt, nach der ihre Kinder sie fragten: „Mama, wann wachsen deine Haare wieder?“