„Es ist vorprogrammiert, dass man irgendwann auch wieder gehen muss. Die einen früher, die anderen später.“

Wo Pläne aufhören und das Leben beginnt

Kerstins Geschichte

Kerstin ist eine junge bildhübsche Frau aus Waging am See. Als Eventmanagerin plant sie alles ganz genau. Den Arbeitsalltag, das nächste Festival und die eigene Hochzeit. Im Februar 2012 kommt ihr Sohn Niklas auf die Welt – im November 2012 erhält sie die Diagnose Brustkrebs. Dass Freud und Leid nah beieinander liegen, durchlebt sie in nur wenigen Monaten. Was sich bei ihr vor allem geändert hat? Sie denkt jetzt anders übers Planen.

Ein zweites Auto kaufen, ein Haus bauen, heiraten. Für viele ist Pläne schmieden etwas Schönes. Man blickt in die Zukunft und freut sich. Den Moment zu leben, fällt den meisten hingegen schwer. Bei Kerstin ist es genau umgekehrt. Normal wird für sie, am Morgen zur Chemotherapie zu gehen und am Nachmittag mit ihrem kleinen Sohn herumzualbern. Über den Hausbau zu sprechen, ist für sie nicht mehr normal. Sie empfindet es als bedrückend, allzu weit in die Zukunft zu blicken. Zu viele Fragen machen ihr dann zu schaffen, auf die sie doch keine Antwort bekommt: Was, wenn der Krebs zurückkommt? Was, wenn wir in das Haus nicht einziehen können? Was, wenn ich in einem Jahr nicht mehr da bin?

„Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich Brustkrebs habe. Auch nicht, als ich zur Mammografie musste. Ich war doch eine stillende Mutter.“ Es folgen ein halbes Jahr Chemotherapie, dann ein Jahr Antikörpertherapie und viele Schicksale von anderen Patientinnen, die sie hautnah miterlebt. „Wenn man hört, dass wieder einer gehen muss – das ist einfach nur schlimm.“ In dieser Zeit stehen Mann, Eltern und Freunde immer an ihrer Seite, wofür sie ihnen unendlich dankbar ist. Heute geht es Kerstin gut. Sie sagt, eigentlich sei ihr Leben wieder wie vor der Krankheit. Nur mit Kind. Und mittlerweile auch mit Hund. Trotzdem: Jetzt steht die Familie an erster Stelle. Und dann die Arbeit. Jetzt hat sie lieber wenige gute Freunde als einen großen Bekanntenkreis.

  • Portraitbild Kerstin
    Kerstin
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    Kerstin

Wie schafft man es, gerade als junge Mutter, die Diagnose Brustkrebs anzunehmen? Für Kerstin lautet die Frage eigentlich anders: „Hätte ich es geschafft, wenn ich nicht meinen kleinen Sohn gehabt hätte?“ Den fröhlichen kleinen Niklas, der immer nur lacht und den sie „unseren kleinen Sonnenschein“ nennt. Mit dem Tag seiner Geburt versteht sie: „Das Leben ist halt nun mal so. Ein Kind kommt auf die Welt und es ist vorprogrammiert, dass man irgendwann auch wieder gehen muss. Die einen früher, die anderen später.“

Ein Haus bauen – das möchte Kerstin erstmal nicht. Aber es gibt auch Pläne, die Halt geben. Und Tage, die einfach nur schön sind und an denen der Krebs keinen Platz bekommt. Wie ihre kirchliche Hochzeit, die ihr Mann und sie im Sommer 2014 feiern. Auch diese Planung empfindet sie erst als große Hürde. Und die „Was, wenn“-Fragen toben wieder durch ihren Kopf. „Ich wollte doch nie ohne Haare heiraten. Was, wenn der Krebs bis zum Sommer zurückkommt?“ Aber dann will sie es doch. Sie erinnert sich an eine Ärztin, die sie fragt: „Wann fangen sie endlich mit dem Leben an?“ Kerstin ist mittendrin. Hier und jetzt.