„Ich hatte das Gefühl, ich stehe nur daneben und kann nichts tun. Man hat Angst um die liebsten Menschen und muss Stärke zeigen.“

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Sabine im Interview

Eine Brustkrebs-Diagnose betrifft nicht nur die Frauen, die erkrankt sind. Auch das Leben von Partnern und Kindern, von Verwandten und engen Freunden verändert sich. Mit der Situation umzugehen, ist für alle Beteiligten nicht leicht.

Sabine kennt das. Als 2007 ihre Mutter erkrankt und 2012 dann ihre Schwester, muss auch sie lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen. Sabine schenkt uns einen Einblick aus der Sicht einer betroffenen Angehörigen. Denn auch diese brauchen Mut, um stark zu sein – Für ihre Liebsten und für sich selbst.

Was hat Sie bewegt, bei dem Aufruf „10 Jahre ICH“ mitzumachen?

Im Oktober 2013 war in Esslingen eine Veranstaltung zum Thema Brustkrebs und da bin ich auf den Aufruf aufmerksam geworden. Ich finde, das ist eine tolle Aktion. Meine Mutter und Schwester hätten sich wahrscheinlich nicht getraut.

Wie haben Sie als Angehörige diese Zeit erlebt?

Es war eine schwere Zeit. Ich hatte das Gefühl, ich stehe nur daneben und kann nichts tun. Man hat Angst um die liebsten Menschen und muss Stärke zeigen. Ich habe meine Mutter und meine Schwester zu den Arzt-Terminen begleitet. Doch jemanden zu finden, bei dem man sich selber aussprechen kann, ist recht schwer.

Wie haben Ihre Mutter und Ihre Schwester von der Diagnose erfahren?

Bei meiner Mutter wurde über zwei Jahre fehldiagnostiziert. Es wurde eine Talgdrüse vermutet, jedoch hatte sich die andere Brust total verändert, bis eine Gewebeprobe entnommen wurde. Das war auch die Zeit, in der meiner Schwester und mir nahe gelegt wurde, eine Genuntersuchung machen zu lassen. Das haben wir beide erst einmal abgelehnt, weil wir dachten „Mich wird es schon nicht treffen“. Aber der Frauenarzt meiner Schwester bestand darauf, dass sie regelmäßig zur Mammografie geht. So wurde der Tumor bei ihr noch im Anfangsstadium diagnostiziert.

Konnten Sie für sich etwas Positives aus der Zeit ziehen?

Während der Erkrankung meiner Mutter habe ich meinen jetzigen Mann kennengelernt. Er hat mir sehr geholfen in dieser schweren Zeit. Während der Erkrankung meiner Schwester waren auch ihre Kinder eine große Hilfe. Wir haben Schritt für Schritt kleine Hürden genommen und überwunden. Meine Mutter hat z.B. nach jeder Chemo-Behandlung einen Blumenstrauß von mir bekommen.

Sind Sie sich in der Zeit näher gekommen?

Ja, ich bin mit ihr ganz viel laufen gegangen - wir haben Nordic Walking für uns entdeckt. Das hat uns beiden geholfen. Im Krankenhaus hatten wir auch ein positives Erlebnis. Der Professor sagte zu meiner Mutter: „Wenn Sie hier rausgehen, sind Sie gesund!“ Und ich habe daran festgehalten und immer gesagt: „Mama, er hat gesagt, du bist gesund, du wirst gesund!“ Bis jetzt ist sie sieben Jahre rückfallfrei. Das ist ein Wunder.

  • Portraitbild Sabine
    Sabine
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Wie sehen Sie sich in der Position als Angehörige in dieser Situation?

Ich denke, als Angehöriger kann man nicht mehr machen, als da zu sein, zuzuhören, Mut zu machen und vielleicht auch mal traurige Gedanken zu teilen. Wichtig ist natürlich auch, dass man für sich selber einen Ausgleich findet. Bei mir war es viel Sport, durch den ich neue Kraft schöpfen konnte. um dann mit meiner Familie weiter zu kämpfen. Ich gehe auch anders mit Vorsorgeuntersuchungen um: Viel gewissenhafter. Ich schaue mehr auf meine Gesundheit.

Was wünschen Sie sich und Ihrer Familie für die nächsten 10 Jahre?

Ich wünsche beiden, dass der Krebs nicht erneut zuschlägt, dass sie gesund bleiben und ich noch ganz viel Zeit mit ihnen verbringen kann. Ich bewundere alle, die den Kampf aufnehmen und ich wünsche allen, dass sie ihren Weg finden, um damit umzugehen und mit Mut in die Zukunft blicken können. Wir sind dadurch stark geworden, alle.