„Ich selbst wusste es, in mir drin: Eigentlich geht es mir gar nicht gut."

Brustkrebs als Chance sehen – ehrlich jetzt?

Tatiana im Interview

Die heute 32-Jährige hat während ihres Studiums drei Kinder bekommen und keine einzige Prüfungsphase ohne Krankheit erlebt. Auch während Tatianas Berufsleben wurde es nicht besser. „Ich war halt ständig krank.“

Schlafmangel und Dauerstress brachten sie an ihre Grenzen. Sie entwickelte verschiedene Nahrungsmittelunverträglichkeiten und eine Histaminintoleranz: Tatiana konnte kaum noch etwas essen, ohne sich krank zu fühlen. Sie beginnt, ihre Ernährung umzustellen und kümmert sich mehr um ihre Gesundheit. Tatsächlich bessert sich die Histaminintoleranz bereits nach einigen Monaten.

Und dann kam der Krebs

Während eines Familienurlaubs in Spanien ertastet Tatiana zum ersten Mal den Tumor in ihrer Brust. Sie hat gleich ein ungutes Gefühl und möchte ihren Befund sofort abklären lassen. Im Krankenhaus vor Ort kann kein Ultraschall gemacht werden. Sie ruft ihren Arzt in Deutschland an. Er beruhigt sie, zumal die letzte Brustkrebsvorsorge erst einen Monat zurück liegt. Da war alles in Ordnung. "Alle haben gesagt, das kann gar nicht sein, Du bist so jung, ernährst Dich gesund, machst Sport, hast drei Kinder gestillt."

"Brustkrebs? So ein Quatsch, Du bist hier unsere Vorzeigepowerfrau!"

Bei der nächsten Untersuchung nach dem Urlaub ist der Krebs fast fünf Zentimeter groß. Von „gutartig“ will keiner mehr sprechen. Alle sind schockiert. Ende November wird so schnell wie möglich eine Stanzbiopsie gemacht, auf deren Ergebnis Tatiana eine Woche warten muss. Am Geburtstag ihrer Tochter bekommt sie die Diagnose. Es folgen noch viele auch emotional belastende Termine und Besprechungen, bei denen Tatiana sich wie eine anonyme Nummer fühlt. Zum Glück finden die Ärzte keine Metastasen, auch ihre Lymphknoten sind nicht befallen. Kurz vor Weihnachten erhält Tatiana ihren Port, einen dauerhafter Zugang in die Vene. Im neuen Jahr startet sie mit der Chemotherapie.

„Die Wochen davor waren die absolute Hölle, wegen der Unsicherheit. Das war die schlimmste Zeit in der gesamten Therapie.“

  • Tatiana und Farid
  • Tatiana und Farid

Die Chemotherapie schlägt gut an: Der Tumor in Tatianas Brust verkleinert sich. Nur etwa zwölf Millimeter bleiben von den ursprünglich 50 übrig. Der nächste Schritt ist eine beidseitige Mastektomie mit anschließendem Wiederaufbau. Auf „beidseitig“ legt Tatiana großen Wert. Sie möchte aus medizinischen und psychischen Gründen auch die gesunde Brust abnehmen lassen.

Die Zeit bis dahin ist schwierig für Tatiana, aber auch für ihren Mann Farid. Er versucht, seinen Job und die Betreuung der Kinder unter einen Hut zu bekommen, wenn es Tatiana während der Therapie nicht gutgeht oder sie im Krankenhaus ist. Gleichzeitig will er sie auch unterstützen und ihr beistehen, so gut er kann.

Unterstützung suchen für die Zeit der Krebstherapie

Als ihr Mann während ihrer ersten Chemo beruflich nach Amerika reisen muss, ist Tatiana mit den Kindern auf sich allein gestellt. Sie sucht die Vernetzung zu Gleichgesinnten: Patientinnen mit ähnlichen Lebensumständen. Auch deshalb entsteht bereits während der Therapiephase ihr Instagram-Account. Seitdem teilt sie dort alles, was sie gerade beschäftigt. Aus der Online-Community hat sie viel Hilfe und emotionale Unterstützung erfahren und zusammen mit anderen Betroffenen ihre Therapie durchlebt.

Neue Kraftquellen geben Halt – trotz Krebs

Mit der Zeit lernt Tatiana, den Krebs als einen Teil ihres Lebens zu akzeptieren. Mit großer Disziplin strukturiert sie seitdem jeden Tag und widmet sich regelmäßig Yoga, praktiziert Mentaltraining, zu dem auch Meditation und Visualisierungstechniken gehören. Bereits in ihrem sportwissenschaftlichen Studium hat sie erfahren, wie viel Kraft sie aus diesen Techniken ziehen kann. Das gibt ihr Halt.

Begleiten und Mut machen

Besonders wichtig ist Tatiana, diese Erfahrungen und ihre persönliche Entwicklung zu mehr Eigenverantwortlichkeit mit anderen zu teilen. Andere zu motivieren, wieder Mut zu fassen, aktiv zu werden und selbst herauszufinden, was guttut. In 2019 hat Tatiana eine Ausbildung zur Mentaltrainerin gemacht und daran eine Yogalehrer Ausbildung im September in Indien angeschlossen. Ihr Wunsch ist es, ihre Erfahrungen noch besser an andere weitergeben und so anderen Betroffenen helfen zu können. Hier sieht sie auch ihre berufliche Zukunft.

„Es geht jetzt darum, dass ich einen Weg gefunden habe, mit dem das Ganze ein bisschen leichter werden kann – das möchte ich weitergeben.“

Tatiana ist überzeugt, dass Menschen mit Brustkrebs viel tun können, um nach der Erkrankung wieder ein positives und gesundes körperliches Level zu erreichen. Sie selbst fühlt sich jetzt besser, fitter und gesünder als vor ihrer Krebsdiagnose. Der Krebs hat in ihren Augen den Anstoß zu ihrer positiven persönlichen Entwicklung gegeben. Sie hat diese Chance ergriffen, um in ihrem Leben noch eine neue Richtung einzuschlagen. Tatiana will einen Fußabdruck in der Welt hinterlassen und die Gesellschaft ein Stückchen in Bezug auf das Thema „Gesundheit“ verbessern.

Heute ist Tatiana krebsfrei und ist seit März (2020) für mehrere Monate mit ihrer Familie auf Weltreise. Über ihren Reiseblog bei Instagram teilt sie ihre Erfahrungen.