"Alle Gefühle sind Schätze."

Nicht erkrankt, aber betroffen

Meine Frau rief mich damals im Dezember auf der Arbeit an. Sie war in Tränen aufgelöst: „Die haben da etwas in meiner Brust gefunden.“ Ich versuchte, sie zu beruhigen, aber die darauffolgenden Tage waren voller Ungewissheit. Wir schliefen keine Nacht und klammerten uns an den letzten Funken Hoffnung. Als dann die Diagnose Brustkrebs kam, ging erst einmal ein paar Tage gar nichts. Wir weinten so viel, bis der Kopf vom Weinen wehtat und man einfach nicht mehr weinen konnte.

Wie fühlt man sich als Angehöriger?

Angst war das alles überlappende Gefühl. Man denkt plötzlich in Extremen. „Was passiert nur, wenn das nicht gut geht?“ Trotzdem war mir immer sehr bewusst: Nicht ich bin der Erkrankte, sondern meine Frau. Der Gedanke war mir deshalb so wichtig, weil ich meine Frau nun nach besten Kräften unterstützen wollte. Irgendwie schaffte ich es, zu funktionieren, Angebote zu machen, um meine Frau zu unterstützen – kurzum eine Art „Plan“ aufzustellen. Die Frauenärztin sagte damals diesen einen entscheidenden Satz: „Sie haben jetzt ein beschissenes Jahr vor sich.“ Es mag unsensibel klingen, aber für uns war der Satz Gold wert. Denn er zeigte uns auch: „Es geht weiter“. Mein Sohn war fünf Jahre alt und stand kurz vor der Einschulung, meine Tochter war gerade zwei Jahre alt. Das „Akutjahr“, wie ich das Jahr der Diagnose und der anschließenden Therapien nenne, verlangte viel von uns allen ab. Es war für mich das längste und kürzeste Lebensjahr zugleich. Ich übernahm gerne viele Dinge und machte aus mancher Not eine Tugend, wie etwa beim Thema Kochen. Unter Anleitung von Koch-Apps kochte ich meinen Kindern ihr Wunschessen. Später verschenkten wir dann unsere „gesammelten Rezepte“ an Weihnachten als Kochbuch.

Wo finde ich Halt und Unterstützung?

Eine große Stütze war auch unsere Familienrehabilitation. Etwa ein Jahr nach der Diagnose brachen wir zu viert mit dem Auto auf Richtung Ostsee. Diese dreiwöchige Reha nach dem „schlimmen Jahr“ eröffnete uns als Familie Wege, wie es nach der Krebstherapie weitergehen würde. Und wir alle brauchten diese Zeit. Denn als das Gröbste geschafft war, da war auch ich erst einmal  geschafft und oft den Tränen nah. In der Familienreha wurden wir alle vier als behandlungs bedürftige Betroffene aufgenommen. Wir sogen die  Angebote der Klinik auf wie Schwämme. Es gab  Übungen für Entspannung oder den Umgang mit Stress und auch eigene Angebote für die Kinder. Wir bemalten Steine und waren als Familie viel an der frischen Luft. Mein Sohn konnte zuvor weder Traurigkeit noch Wut so richtig zeigen. In der Reha hat er gelernt: „Jedes Gefühl ist ein Schatz.“ Auch Angst ist echt und ehrlich, aber es gibt eben auch Gefühle, die einen nicht immer ganz richtig lenken oder alles andere überlagern. Ich persönlich habe mir danach bewusste Auszeiten organisiert. Gespräche mit guten Freunden gaben mir Raum für Austausch und Ablenkung, ein Netz, das ich „belasten“ durfte. Ich kann anderen Angehörigen nur raten, sich zu informieren, sprachfähig zu werden und offen zu kommunizieren. Sich Vertraute zu suchen, Menschen, die einen mit den eigenen Launen annehmen, Menschen, die einfach auch nur mal zuhören.

Auch Zeit für Ruhe war mir sehr wichtig. Ich setzte mich oft in eine leere Kirche und schaute nur auf den Altar, hielt inne, schöpfte Kraft. Ich sagte mir ganz bewusst: Ich darf das. Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich auch leide und traurig bin oder wenn ich mir den eigenen Ausgleich suche. Uns half aber auch, immer wieder zu einem tragenden Optimismus zurückzufinden, immer wieder an das Gute zu glauben. Denn ich habe gelernt: Angst ist kein guter Ratgeber!